Heldenmacher
von M. Fischer

Bedächtig betrachtete Pascal die Fallakte und seufzte hörbar. Er schloss die Mappe und stellte sie an einen freien Platz zu den anderen in den Schrank. Wieder einmal war es nur ein gewöhnlicher Auftrag gewesen, einer dieser, die ihm inzwischen weder Freude bereiteten noch finanziell lohnenswert waren. In letzter Zeit dachte er häufiger darüber nach, aufzuhören. Bald würde er mit dem Studium fertig sein und dann neben einer Vollzeitstelle nicht mehr die nötige Zeit aufbringen können.

Pascal war ein Heldenmacher, zumindest bezeichnete ihn sein verquerer Freund Timo immer so. Er selbst bevorzugte die Bezeichnung »Persönlicher Helfer«, was durchaus den Kern der Arbeit traf. Im Wesentlichen bestand die von ihm angebotene Dienstleistung darin, Menschen gegen Geld zu Alltagshelden zu machen. Dabei schlüpfte Pascal in die unterschiedlichsten Rollen und entwickelte allerlei Szenarien verschiedenster Komplexität. Jedoch erzählte er kaum jemandem davon und verschwieg es, da er sich kritische Kommentare ersparen wollte. Wenn Pascal gefragt wurde, was er neben dem Studium trieb, wich er stets aus und schmückte die 4 Stunden Aushilfsstelle in der beschaulichen Bücherei seiner Tante zum ausfüllenden Nebenjob aus.

Reich wurde Pascal mit seiner ungewöhnlichen Arbeit nicht, aber er verdiente genug, um sich während des Studiums nicht um Geld sorgen zu müssen. Die Idee für die Tätigkeit war ihm an einem betrübten Abend zusammen mit Timo in einer Kellerkneipe gekommen. Pascal war von seiner Freundin verlassen worden und hatte auch deshalb eine wichtige Prüfung vermasselt. Sein Freund versuchte ihn mit der Unterstützung von Bier und Schnaps aufzuheitern. Je weiter die Zeit vorangeschritten war, um so mehr verdrehte Eingebungen entwickelten sie. Als Pascal am nächsten Tag während eines Ausnüchterungsspazierganges darüber nachdachte, kam ihm die Idee mit der »Heldenmacherei« gar nicht mehr so abwegig vor. Anfangs spielte er mit dem Gedanken, ob das ein Thema für eine Abschlussarbeit sein könnte. Doch als er sich ausgiebiger damit befasste, entwickelte sich die Idee zu einem eigenen Geschäftsfeld, welches gleichzeitig ein soziales Experiment darstellte.

Zu beginn war niemand auf seine Dienste angewiesen und er war kurz davor aufzugeben. Doch sein Durchhaltevermögen zahlte sich aus und nach den ersten zähen Monaten erhielt er immer häufiger Anfragen, und zwar von Menschen aus allen Bevölkerungsschichten. Den Aussagen einiger Klienten zufolge, lag der Schlüssel zum Erfolg in einer Art Mund-zu-Mund-Propaganda. Dabei war ihm bewusst, dass er mit zunehmender Bekanntheit drohte irgendwann aufzufliegen. Jedoch zerbrach er sich über solche Dinge nicht den Kopf, denn schließlich war diese Tätigkeit nie für die Ewigkeit gedacht.

Pascal traf sich mit den Klienten niemals in dem beengten Büro, das er zum Zwecke der Planung von Aufträgen und zur Aufbewahrung der Unterlagen in einem Geschäftshaus unweit seiner Wohnung angemietet hatte. Für die Treffen wählte er stets öffentliche Plätze aus, welche unregelmäßig rotierten und je nach Jahreszeit ein Park, ein Café oder ein Einkaufszentrum sein konnten. Anonymität war besonders zu Beginn eines neuen Auftrages der wichtigste Bestandteil für beide Seiten.

Da er in seiner Jugend Theater- und Schauspielunterricht genommen hatte, fiel es ihm nie sonderlich schwer, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten und verschiedenste Rollen zu spielen. Das Lesen vieler Freizeit-Psychologiebücher, deren Fokus auf der Analyse und der Manipulation von Menschen lag sowie allerlei Ratgeber für ein erfolgreiches Leben, ein selbstbewusstes Auftreten und Erfolg auf der Karriereleiter bereiteten ihn neben dem Studium hervorragend auf seine Tätigkeit vor.

Manchmal dachte Pascal darüber nach, ein Buch über seine womöglich einzigartige Arbeit zu schreiben. Im Laufe der vergangenen zwei Jahre hatte er einen guten Einblick in die Psyche der Menschen erhalten. Meist ging es darum, andere zu beeindrucken, um deren Gunst zu gewinnen oder Neid hervorzurufen. Nicht selten waren Liebe oder Karriere die leitenden Motive seiner Klienten.

Pascal selbst verfügte über eine Macht, die ihm gelegentlich Kopfschmerzen bereitete. Die Protokollierung und Aufbewahrung sämtlicher Fälle versetzte ihn in die Lage, jederzeit, alle Klienten auffliegen zu lassen. Er kannte den Zweck und das Mittel, mit welchen die Alltagshelden zu eben jenen erhoben wurden. Das war nicht nur seiner peinlichen Genauigkeit geschuldet, sondern diente auch zum Selbstschutz gegenüber seinen Klienten. Er ertappte sich immer wieder dabei, wie er sich selbst analysierte und prüfte, ob diese Art Macht etwas war, das er benötigte, um glücklich zu sein. Da er die Antwort fürchtete, führte er die Selbstuntersuchung nie bis zum Schluss durch. Manchmal bildete er sich ein, eine Stimme in seinem Inneren rufen zu hören, die ihn dazu verleiten wollte, alle Akten zu veröffentlichen. Bisher gelang es ihm immer, zu widerstehen. Der Gedanke sich mithilfe seiner Akten einen Vorteil zu Verschaffen kam ihm bereits in den Sinn, aber es entsprach nicht seiner moralischen Überzeugung, sodass er diese Vorstellung rasch beiseiteschob.

Pascal verließ das Büro und nahm den Bus in Richtung Innenstadt, wo er mit einem Klienten verabredet war. Das Treffen war für 15 Uhr in einem kleinen Café vereinbart, welches nicht weit von der Zielhaltestelle entfernt lag. Viele Informationen gab es im Vorfeld nicht, da die Kommunikation nur per E-Mail stattfand und der potenzielle Auftraggeber der Ansicht war, dass sich die Details besser in einem persönlichen Gespräch vermitteln ließen. Der Kontakt wurde von einem ehemaligen Klienten hergestellt und nur aus diesem Grund hatte Pascal auf eine genauere Vorabprüfung verzichtet. Die Fahrt zog sich hin und er war nicht motiviert genug, die Zeit sinnvoll zu nutzen. Es war Samstag und anstatt sich am heutigen Tage mit einem zweiten Fall zu beschäftigen, hätte er lieber etwas Spaßigeres unternommen. Timo hatte ihn und ein paar weitere Kumpels zu einem Fußballspiel eingeladen. Es war wohl die Verpflichtung seinen Klienten gegenüber, redete er sich ein, etwa so wie bei einem Arzt oder einem Priester, auch wenn er selbst schmunzeln musste, seine Tätigkeit mit deren Arbeit zu vergleichen.

Er betrat das Café und musterte die Menschen, die an der Theke anstanden, um Brötchen oder Kuchen zu besorgen. Er ließ den Blick für die Tische schweifen, doch konnte niemanden erkennen, der auf die Beschreibung in der E-Mail gepasst hätte. Es erinnerte ihn an ein Blind Date, bei dem sich die nach Liebe Suchenden durch ein Erkennungszeichen verabredeten. Neben einem Tisch, an dem ein älteres Ehepaar saß, verlief eine Treppe nach oben, welche er nahm, um in die zweite Etage zu gelangen. Deutlich mehr Gäste verweilten hier bei einem Eisbecher und genossen den Ausblick aus den großflächigen Fenstern. Pascal suchte sich am Rand einen freien Platz, der zwar keine gute Aussicht bot, dafür aber ruhiger gelegen war. Es dauerte nicht lang, bis die Bedienung auftauchte und er wie üblich einen Cappuccino bestellte. Ein Blick auf sein Mobiltelefon zeigte ihm an, dass noch 5 Minuten bis zum vereinbarten Treffen bleiben. Für gewöhnlich würde er nun die Fall-Unterlagen herausnehmen und noch einmal kurz durchsehen, doch heute gab es nichts, auf das er sich vorbereiten konnte. Fast pünktlich, beobachtete er, wie jemand die Treppe heraufkam. Zu Pascals Überraschung war es kein Mann, sondern eine Frau, was nicht so häufig vorkam. Im ersten Moment dachte er, dass sie ein weiterer Gast sei, doch sie hielt zielstrebig auf ihn zu. Sie war für Pascals Geschmack ausgesprochen ansehnlich: Blondes langes Haar, das bis zur Schulter reichte mit einer verirrten Strähne, welches eines der smaragdfarbenen Augen verbarg.

»Hi, bist du Pascal?«, fragte sie mit sanfter Stimme und setzte sich ohne die Antwort abzuwarten ihm gegenüber. »Ich bin Nicole!«, schob sie mit einem freundlichen Lächeln nach und reichte ihm die Hand. Pascal nickte und erwiderte die Geste, ohne dabei die auf dem Tisch stehende Eiskarte umzuwerfen. »Angenehm, wie kann ich dir helfen?« Er zog normalerweise die förmlichere Anrede vor, wenn er mit seinen Auftraggebern sprach, allerdings kam es gelegentlich vor, dass er sofort mit »du« angesprochen wurde und dann dabei blieb, um nicht überheblich zu wirken.

Er betrachtete sie einen Moment lang und versuchte ihr Begehren zu erraten. Sie war jung und attraktiv, dazu nach dem ersten Eindruck kein bisschen schüchtern. Pascal strich Liebe und Beliebtheit von seiner gedanklichen Liste. Manchmal kamen die Klienten nicht um ihrer Selbstwillen zu ihm, sondern weil sie einer anderen Person aus ihrem Umfeld helfen wollten. Vielleicht eine Freundin, die einen positiven Augenblick in ihrem Leben benötigte, vermutete Pascal.

»Hast du bereits etwas bestellt?«, riss Nicole Pascal aus seinen Gedanken und fügte erklärend hinzu: »Ich habe mir unten ein Getränk und zwei Stück Blechkuchen bei der Kellnerin herausgesucht. Du kannst gern ein Stück abhaben, wenn du magst?« Die direkte Art bestätigte Pascal in seiner Vermutung. »Das ist sehr freundlich von dir. Ich hatte nur einen Cappuccino bestellt, von daher würde ich gern dein Angebot annehmen.« Er wartete das kurze Lächeln des Gegenübers ab, bevor er die erste These äußerte. »Ich ahne, du benötigst meine Dienste nicht für dich selbst, sondern für einen anderen Menschen?« Nicole nickte und Pascal war innerlich ein bisschen stolz auf seinen Instinkt. Er nutzte den Lauf und wagte sich weiter vor: »Geht es um eine Freundin oder ein Familienmitglied, welche ein kleines Erfolgserlebnis benötigen um aus einer schwierigen Phase herauszufinden?« Er versuchte, sich den Ärger nicht anmerken zu lassen, als Nicole den Kopf schüttelte und mit »nicht ganz« begründete. »Es ist etwas komplizierter.«, begann sie und wirkte so, als ob sie nach den richtigen Worten oder der Kraft es auszusprechen suchte. Bevor sie mit der Sprache herausrücken konnte, erschien die Bedienung und servierte die zwei Stück Kuchen sowie eine Eisschokolade für Nicole und den Cappuccino für Pascal. Beide bedankten sich höflich und nahmen einen Schluck von ihren Getränken. »In gewisser Weiße geht es um einen Freund, einen ganz besonderen, der mir sehr am Herzen liegt.« Pascal versuchte abzuschätzen, ob sie von einem sehr engen Freund oder einer Liebe sprach. Er hütete sich, die Frage offen auszusprechen, und wollte sie stattdessen selbst erzählen lassen. Meist erwies sich diese Strategie als nützlich, wenn der Klient eine aufgeschlossene Persönlichkeit war. Dennoch war er erleichtert, dass er letztlich nicht so weit mit seiner Vermutung daneben lag und schob seine Fehleinschätzung darauf, dass er mental bei dem Fußballspiel mit Timo war.

(*OB*Pascal hört nicht richtig zu*OB*)»Mein Freund, also der Paul ist ein ganz Lieber, doch er hat ein paar Probleme.« Nicole wirkte unsicher, doch Pascal hielt es für aufgesetzt. Er gab ihr mit einem knappen Nicken zu verstehen fortzufahren. »Er ist eigentlich ein guter Mensch, doch er lässt sich manchmal auf die falschen Leute ein. Seine Absichten sind durchaus positiv, doch er denkt nicht bis ans Ende«, unterstrich Nicole deutlich. Pascal lag die Eigenschaft »gutgläubig« auf der Zunge, doch er hielt sich weiterhin zurück. Nicole führte eine verzweifelte Geste mit der Hand aus. »Er benötigt ein Wecksignal, dass ihn wieder auf den richtigen Weg bringt.« Pascal hatte die letzte Äußerung nur halb wahrgenommen und sich sein Urteil bereits gebildet. 

»Das bekommen wir hin«, begann er und vergewisserte sich, dass er Nicoles volle Aufmerksamkeit hatte. »Je nach Aufwand, also benötigter Planungs- und Vorbereitungszeit sowie beteiligten Akteuren steigen die Kosten.« Es war immer heikel für Pascal das Thema der Entlohnung anzusprechen, da viele seiner Kunden ihren Liebsten nur eine kleine Freude bereiten wollten, ohne dafür viel zu bezahlen. Nicole lächelte auf eine Art, die Pascal etwas irritierte, ohne das er sagen konnte, was ihm dabei merkwürdig erschien. »Geld spielt keine Rolle. Ich bin entschlossen, für Paul auszugeben, was es eben kostet, solange er danach wieder klar kommt!« »Eine Garantie gibt es nicht!«, wies Pascal ausdrücklich hin. Es war wichtig, dass bei den Vorgesprächen unmittelbar klarzustellen, damit keine falschen Hoffnungen geweckt wurden. Pascal lernte dies auf traurige Art während seiner ersten Aufträge und hatte es fortan mit in den Vertrag aufgenommen. »Also gut, ich denke, wir kommen ins Geschäft. Ich stelle dir jetzt ein paar Möglichkeiten vor, wie wir deinem Freund helfen können.« Nicole nickte begeistert und stütze ihren Kopf auf die Hände, um gespannt den Vorschlägen von Pascal lauschen zu können. Er öffnete seinen Rucksack und entnahm eine schwarze Mappe. Ohne das Nicole sie einsehen konnte, blätterte Pascal darin herum. In der Mappe befanden sich von einfachen Entwürfen bis hin zu detailliert ausgearbeiteten Plänen verschiedene Szenarien. Sortiert waren sie nach der Art der Wirkung, von kleinen Freuden bis hin zu komplexeren Methoden, um einen wirklichen Alltagshelden zu erschaffen. Gerade Letztere konnte Pascal nur einmal anwenden, besonders wenn sie öffentliche Aufmerksamkeit in Form eines Artikels für die Lokalzeitung hervorriefen. Meist aber bedurfte es nur minimaler Änderungen, um ein Szenario mehrfach verwenden zu können. 

Pascal blieb am Szenario »Der Rentner« hängen. Sein Finger verweilte ein paar Augenblicke auf der ersten Zeile, bis er sich entschieden hatte, dass diese Methode durchaus passend war und für ihn nur wenig Aufwand bedeutete. Es ging darum, der Zielperson ein Gefühl von Menschlichkeit und eine »Guten Tat vollbracht zu haben« zu vermitteln. Dabei gab sich Pascal eher seltner als Rentner aus, sondern jeweils angepasst auf die Situation als Mensch in einer Notlage, welchem mit geringen Mitteln geholfen werden konnte. Er schilderte Nicole den Ablauf und bemerkte, dass sie nicht begeistert aussah. Daher erklärte er ihr, wie sich dieses Basis-Szenario ausbauen ließe, um das Resultat zu verbessern: Beliebt war die Variante, bei der man jene positiven Momente über einen längeren Zeitraum wiederholt durchführte und dabei weitere Akteure einbezog, damit eine hohe Vielfalt gesichert wurde. 

Doch auch das zeigte noch nicht den gewünschten Effekt. Nicole nippte lediglich an ihrer Eisschokolade, ohne die sonst übliche anerkennende Miene seiner Klienten auf ihrem hübschen Gesicht. Pascal blätterte weiter und stellte Nicole den "Vermittler" vor. Dabei handelt es sich um eine Methode, die den gesamten Tatendrang Gutes zu vollbringen dauerhaft zufriedenstellen sollte.

Pascal besaß diverse Kontakte zu sozialen Einrichtungen, Tierschutz- und Umweltprojekten sowie anderen Organisationen in der Gegend, welche auf irgendeine Weise etwas Gutes für die Allgemeinheit oder einzelne Individuen vollbrachten. Auf die jeweiligen Interessen zugeschnitten, versuchte Pascal bei diesem Szenario die Zielperson zu vermitteln. Der Sinn bestand darin, dass die Person bei Erfolg einer freiwilligen Tätigkeit nachginge und dort voll ausgelastet wäre. Dadurch bliebe weniger Zeit sich um andere Dinge zu kümmern. Ein weiterer positiver Effekt wäre, die Zielperson unter Gleichgesinnte zu bringen. Die Art der Vermittlung war vielfältig, beispielsweise durch das direkte Ansprechen auf der Straße mit der Bitte um Unterstützung für die angetragene Sache. Es konnte ebenso durch die Vorführung eines kleinen Schauspiels, welches erst Interesse weckte und anschießend eine Einladung mit sich brachte realisiert werden. Pascal hatte bereits einmal erlebt, dass eine seiner Vermittlungen dazu geführt hatte, dass die Zielperson ihre bisherige Arbeit gekündigt hatte, um völlig zufrieden auf einer neuen Stelle in der vermittelten Einrichtung aufzugehen.

Erneut kam von Nicole keine Reaktion. Sie hatte sich nun ihrem Kuchen zugewandt und schaute Pascal weiterhin einfach nur an. Er wurde langsam etwas ungeduldig, aber blätterte pflichtbewusst noch einmal alles durch. Ein paar weitere Vorschläge hatte er noch in seiner Mappe, die er für geeignet hielt. Es waren allesamt keine ausgefallene Pläne, doch für mehr reichte seine Motivation nicht mehr. Nicole schien jedoch auch davon nicht begeistert zu sein, das war für Pascals geübten Blick unschwer an ihrem zweifelndem Äußeren zu erkennen: »Ich weiß nicht.«, wertete sie, als Pascal die Mappe ernüchtert zugeklappt hatte. »Ich finde, das passt alles nicht zu Paul.« Sie führte eine beschwichtigende Geste aus. »Es sind gute Ideen und ich bin mir sicher, dass sie funktionieren, aber für meinen Freund brauchen wir etwas Anderes. Verstehst du, was ich meine?« Pascal assoziierte mit »Anderes« das Wort »Besseres« und konnte sich nicht daran erinnern, wann das letzte Mal ein Klient nicht sofort von seinen Ideen begeistert war und umgehend zugestimmt hatte. Nachdenklich strich er sich über die Stirn und bemerkte, wie Nicole ihn genau musterte. »Ich fürchte, um dir etwas Passendes vorschlagen zu können, musst du mir mehr Details nennen. Individuelle Szenarien erfordern eine sorgfältigere Planung und Vorbereitung, was dementsprechend mehr Zeit in Anspruch nimmt.«

»Kein Problem«, antwortete Nicole und fuhr fort: »Es soll perfekt werden, und wenn es eben etwas länger dauert, dann ist das nicht schlimm.« Pascal begrüßte das entgegengebrachte Verständnis mit einem freudigen Nicken und bat sie ihm ihre Vorstellung zu beschreiben. Nicole legt den Zeigefinger auf den Mund und verharrte einen Augenblick grübelnd: »Ich dachte eher an ein negatives Erlebnis für meinen Freund.« Pascal sah sie mit zusammengekniffenen Augen an und wartete gespannt auf die nähere Erläuterung. »Es ist vermutlich nicht das Typische, was die Leute von dir verlangen. Ich glaube jedoch, dass Paul diese schlechte Erfahrung braucht, um endlich zu merken, dass er so nicht weitermachen kann.« Pascal verstand, was sie damit bezweckte, aber er war sich nicht sicher, ob das tatsächlich zielführend sein würde. Nicole hatte ihn überrascht und er fragte sich, weshalb seine Einschätzung über sie so weit daneben lag. Diese Frau hatte etwas Unberechenbares, was gleichzeitig faszinierend und beunruhigend auf ihn wirkte. Abgesehen davon, schien der Aufwand, welchen Pascal in den Fall investieren müsste stetig zu steigen. »Ich kenne Paul nicht, aber ich sehe das Risiko, dass solch ein Plan entgegengesetzt wirken könnte. Mein Anspruch ist es, den Leuten Freude zu bereiten und nicht Gegenteiliges!«, erwiderte er unmissverständlich.

Pascal hatte ernsthafte Bedenken bei einer Person ein negatives Erlebnis hervorzurufen, vor allem, wenn er sie nicht kannte und dadurch nicht in der Lage war, die Reaktion vorab einschätzen zu können. Bisher hatte er nie in Erwägung gezogen jemanden einen Schaden zu zufügen, um ihm letztlich damit zu helfen. Allerdings hatte dieser Gedanke einen gewissen Reiz auf ihn. Es war ein neues Feld voller Möglichkeiten und weiterer praktischer Analysen der menschlichen Psyche. Er entschloss sich dazu, dass er etwas Bedenkzeit benötigte, um sich darüber klar zu werden, ob er diesen Schritt gehen möchte oder nicht. 

Nicole bemerkte, dass Pascal mit sich rang, und wartete gespannt ab. Als die Pause drohte zu ihrem Nachteil zu verlaufen, merkte sie an: »Vielleicht verlange ich da zu viel von dir, aber meinem Freund würde es garantiert helfen, davon bin ich überzeugt!« Die Worte wirkten wie eine Bestätigung auf Pascal. Er trank den letzten Schluck seines Cappuccino und wandte sich wieder an Nicole: »Ich kann jetzt nicht sofort entscheiden, ob ich deinen Auftrag annehme. Für mich gibt es noch einige Fragen zu klären.« Nicole wirkte nicht enttäuscht auf Pascal und gab sich geduldig. »Kein Problem. Ich kann das verstehen. Wir sollten uns noch mal treffen und dann die Details besprechen, wenn du bereit bist«. Pascal, der etwas Ähnliches vorschlagen wollte, stimmte ihr zu. »Es wäre von Vorteil, wenn du mir weitere Einzelheiten zu Paul schicken würdest. Alles was deiner Meinung nach seine gegenwärtige Situation beeinflusst, wäre hilfreich, beispielsweise sein familiäres und berufliches Umfeld.« Nicole versicherte, dass sie schnellstmöglicht die erforderlichen Informationen zusammen tragen würde. »Also gut, dann sind wir uns einig«, begann Pascal das Treffen zu beenden und fuhr fort: »Sobald du mir die Daten geschickt hast und ich eine Entscheidung getroffen habe, können wir sehen, wie es weiter geht.« Nicole lächelte zufrieden und bestätigt mit einem kurzen »Perfekt!« Die Gelassenheit, mit der sie sich im Sessel zurücklehnte, gab Pascal weitere Rätsel auf. Sollte sie nicht ein bisschen enttäuscht sein, dass er ihrem Freund nicht gleich helfen konnte und keine Ideen zur Hand hatte? Irgendetwas an ihr kam ihm eigenartig vor, aber womöglich war es nur seinem mangelnden Antrieb geschuldet.

Nachdem beide ihre Rechnungen beglichen hatten, wobei Nicole die zwei Stück Kuchen bezahlte, verließen sie gemeinsam das Café. Sie verabschiedeten sich förmlich mit einem Handschlag und gingen in verschiedene Richtungen auseinander. Pascal lief zur Bushaltestelle und studierte auf dem Weg dorthin den Fahrplan auf seinem Mobiltelefon. Da er direkt nach Hause wollte, musste er zunächst den Bahnhof erreichen. Weder das Warten auf den Bus noch die Fahrt zum Bahnhof dauerten lang, sodass er bald darauf im Zug saß. 

Er war nur noch zwei Haltestellen von zu Hause entfernt, da empfing er eine E-Mail auf seinem Mobiltelefon. Anhand des eingeblendeten Hinweises erkannte er sofort, dass die Nachricht von Nicole stammte. So rasch hatte er nicht mit einer Antwort gerechnet und fragte sich, ob sie etwas vergessen hätte. Ungeduldig tippte er mit dem Finger auf den Bildschirm und die E-Mail-App öffnete sich. Die Nachricht enthielt nur einen knappen Text, der auf den Anhang verwies. Dieser war jedoch separat verschlüsselt und konnte nur von Pascals Büro-Rechner aus eingesehen werden. Es ärgerte ihn ein wenig, da er gespannt auf die Daten war. Irgendetwas an diesem Fall reizte ihn, wie kein anderer mehr seit einer Weile. Es war fast so wie in der Anfangszeit, wo er sich voll ausleben konnte. Die Kreativität ein Szenario zu entwickeln und bis ins kleinste Detail zu planen sowie die Ausführung, welche stets mit der Anspannung gepaart war, ob alles nach Plan verlief und das erwünschte Resultat erzielte. Für einen Moment hatte er vergessen, dass er über das Aufhören nachdachte. Zuhause angelangt, notierte er sich alle relevanten Details von dem Treffen mit Nicole und legte sich anschließend auf sein Sofa. Während nebenbei eine zweitklassige Komödie im Fernsehen lief, welche er bereits vor einigen Jahren gesehen hatte, waren seine Gedanken wieder bei dem Fall. Die Idee, Menschen durch schlechte Erlebnisse auf den richtigen Weg zu führen, weckte zunehmend sein Interesse.

Am nächsten Morgen rang Pascal mit sich, ob er ins Büro fahren sollte. Die Neugier siegte schließlich, sodass er bereits eine Viertelstunde später die Tür zu seinem Büro aufschloss. Während sein Rechner startete, nahm er die Notizen vom gestrigen Tag und legte eine neue Akte an. Er hoffte, dass ihm die Informationen über Paul dabei helfen würden, eine Entscheidung zu treffen.

Pascal öffnete die verschlüsselte Datei, welche lediglich den Namen »Paul« trug. Er überflog das Dokument und stutzte. Vieles von dem was dort stand, kam ihm sehr bekannt vor. Schließlich scrollte er nach oben und las die Überschrift. Zu seiner Überraschung stand dort sein eigener Name geschrieben. Seine Gedanken irrten umher und waren nicht im Stande das Gelesene rational zu verarbeiten. Es handelte sich bestimmt um einen Fehler, dachte er und beruhigte sich etwas. Wahrscheinlich hatte Nicole einfach nur die Namen verwechselt, denn schließlich hatte sie nicht lange nach dem Treffen die E-Mail verschickt. Er begann, dass Textdokument noch einmal sorgfältig zu lesen.

Pascal war sich nun absolut sicher, dass er gemeint war. Die Details waren präzise und beschrieben ihn in Perfektion. Woher konnte Nicole all diese Dinge über ihn in Erfahrung bringen, von denen einige sehr privat waren und niemand aus seinem direkten Umfeld wissen konnte? Kalter Schweiß stand auf seiner Stirn und er musste sich selbst ermahnen, ruhig zu bleiben. »Dafür gibt es eine logische Erklärung«, flüsterte er und strich sich nachdenklich durch die Haare. Er musste handeln und betätigte die Schaltfläche »Antworten« in seinem E-Mail-Programm. Für einen Moment starrte er auf das blinkende Texteingabe-Zeichen, dann legte er die Finger auf die Tastatur und tippte: »Ich bitte um ein zweites Treffen!«

Nur wenige Augenblick später folgte die Reaktion. »Gleich in deinem Büro?«, schrieb Nicole. Pascal bestätigte den Treffpunkt, versessen darauf Antworten zu bekommen und dabei den Umstand ignorierend, dass Nicole über sein Büro Bescheid wusste. Es dauerte nur wenige Minuten, bis es an der Tür klopfte, doch Pascal erschien es wie eine Ewigkeit.

Sie begrüßten sich kurz und nahmen Platz. Pascal betrachtete diese seltsame Frau und forderte sie auf, ihm zu erklären, woher sie ihn kannte und was ihre Absicht sei. Nicole erklärte, dass sie Pascal schon eine ganze Weile beobachtete, seit dem sie von ihm und seiner Tätigkeit erfahren hatte. Sie studierten dasselbe Fach, jedoch war Nicole zwei Semester voraus. Sie war von Anfang an begeistert von seiner Idee und neugierig, wie er es umsetzte und welche Ergebnisse er erzielte. Auf Pascal wirkte ihr Interesse vorwiegend rein akademischer Natur.

Pascal war alles in allem etwas beruhigt, da er sich bereits schlimmere Szenarien ausgemalt hatte. Womit er jedoch nicht gerechnet hatte, war, dass Nicole ihn fragte: »Darf ich bei dir einsteigen?« Ohne lange zu überlegen, erkannte Pascal wie nützlich sie sein würde, und dass sie ihm den notwendigen Schwung verleihen könnte, weiterzumachen. Er ließ sie noch einen Moment im Unklaren und erfreute sich an ihrem hoffenden Blick, ehe er »Einverstanden« sagte und ihr die Hand zur Besiegelung reichte.