Mensch-Maschine-Kommunikation
von M. Fischer

»Nicht schon wieder!«, fluchte Camilla und zielte mit ihrem Stemmeisen auf Aron. Der Roboter sah sie traurig aus seinem Kameraauge an. Er signalisierte seine eingeschränkte Funktionstüchtigkeit mithilfe des Blinkens einer roten Leuchtdiode. »Kannst du wenigstens noch fahren?«, fragte sie beherrschter. Die Maschine zeigte keine Reaktion und Camillas Aufmerksamkeit wurde durch das Vibrieren ihrer Jacke abgelenkt. Sie betrachtete die Anzeige auf der Unterseite ihres rechten Ärmels. »Das hat aber lang gedauert!«, beschwerte sie sich über die verzögerte Antwort bei Aron.

Vor einer halben Stunde trafen die lang ersehnten Androiden per Frachtschiff auf der Meeresforschungsanlage ein. Sie mussten nur noch ausgepackt und zusammengesetzt werden. Camilla brauchte sich seit der Auftragsauslösung um nichts kümmern. Die Androiden wurden nach der Fertigstellung zur Zentrale auf dem Festland geliefert und von dort aus auf ein kleines Schiff verladen. Der Frachter legte den Weg zur Anlage autonom zurück, unter Nutzung des Galileo-Satellitennavigationssystems. Am Ziel angelangt, wurde eine Andockerlaubnis erteilt und eine Parkposition zugewiesen. Das Schiff manövrierte zur festgelegten Stelle und entsicherte das Frachtgut. Das Abladen der humanoiden Roboter sowie weiterer Nachschubgüter verlief selbstständig. Am Ende der voll automatisierten Transportkette erhielt Camilla eine Benachrichtigung über die erfolgte Zustellung.

Camilla wollte zunächst eines der Modelle in ihr Labor bringen, welches sie lieber als Werkstatt bezeichnete. Nach einem umfangreichen Test würde sie die Montierung der verbleibenden Androiden in der Lagerhalle erledigen. Für das Herausheben und Transportieren benötigte sie jedoch die Hilfe ihres Freundes, der den Dienst quittiert hatte. Arons mechanische Arme wiesen eine ähnliche Beweglichkeit auf wie menschliche, mit dem Unterschied, dass sie über mehr Kraft verfügten. Statt Beinen und Füßen besaß er ein Kettenfahrwerk. Aus diesem Grund war Aron stark von der Umgebung abhängig und nicht imstande, Camilla auf die oberen Etagen der Einrichtung zu begleiten. Die neuen Modelle hingegen gehörten zu den Ersten, welche sich auf zwei Beinen fortbewegten und das Gleichgewicht hielten. Nur eine der zahlreichen Verbesserungen, die sie gegenüber Aron auszeichneten.

Camilla sah zu dem Portalkran an der Decke. Leider stellte dieser keine Option dar. Die schwerfälligen Greifarme eigneten sich ausschließlich für große Kisten und Container. Sie würden die Körper der Androiden beim Anheben beschädigen. Frustriert packte sie ihre Ausrüstung zusammen und befahl Aron, ihr zu folgen.

Während sie die Halle verließen, musste Camilla schmunzeln, da der Roboter genau in dem Moment kaputt ging, als sie dessen Nachfolger auspackten. »Er ist nur eine Maschine, wie sollte er das wissen!«, überlegte sie. Außerdem wies Aron permanent irgendwelche Defekte auf. Camilla umging auf dem Weg zur Werkstatt die Forschungslaboratorien und Aufenthaltsräume. Sie wollte unbedingt vermeiden, einem der anderen Mitarbeiter zu begegnen. Meistens gelang ihr das ohne Probleme, da die Station massiv unterbesetzt war. Neben Camilla gab es hier nur noch die Meeresbiologen Mike und Sandra sowie Timo, der sich überwiegend in seinem mini U-Boot aufhielt und Proben nahm. Die Androiden sollten das fehlende Forschungspersonal ersetzen und damit die Wissenschaftler entlasten. In den letzten Wochen führten Komplikationen bei der Fertigung wiederholt zu Terminverschiebungen. Wenigstens gehörte die Anlage zu den ersten Käufern, an die ausgeliefert wurde.

Camilla tippte die Zahlenkombination für das Türschloss ein und betrat ihr Refugium. Die Werkstatt war der einzige Ort, an dem sie sich wohlfühlte. Die Sicherheitskameras hatte sie bei ihrer Ankunft, entgegen allen Protesten, deaktiviert. Der Gedanke, dass Mike sie durch die Objektive beobachten konnte, ließ sie stets erschaudern. Aron fuhr ohne Anweisung auf die Reparaturplattform und schaltete sich selbstständig in den Wartungszustand. Camilla legte ihre Tasche auf der Werkbank ab und ging zu dem Roboter. Sie öffnete eine unscheinbare Klappe am Nacken und stöpselte eines von den an der Decke hängenden Datenkabeln ein. Gleich darauf zeigte der Zentralbildschirm hinter ihr das Diagnoseprogramm an. Eine Testroutine startete und visualisierte die Resultate farblich gekennzeichnet in Tabellenform. Die Anwendung meldete zunächst vereinzelte Warnungen, welche Camilla allesamt ignorierte. Darunter den Hinweis, dass das Sprachsynthetisierungsmodul fehlte. Sie hatte es vor einiger Zeit entfernt, damit Aron in Anwesenheit der anderen Wissenschaftler nichts Brisantes ausplauderte. Stattdessen kommunizierte der Roboter meistens über seine Leuchtdioden mit der Außenwelt. Camilla hatte ihm die Blinkmuster für die verschiedenen Antworten eingespeichert und variierte diese regelmäßig.

Die Analyse benötigte zur Ermittlung der fehlerhaften Komponente nur wenige Sekunden. Eine Steuereinheit, welche den Bewegungsablauf der Arme koordinierte, funktionierte nicht mehr innerhalb ihrer Parameter. Camilla durchsuchte unverzüglich die Ersatzteilkiste nach einer geeigneten Platine. Da Aron häufiger Probleme bereitete, hatte sie sich ein Arsenal an Getriebemotoren, Sensoren und anderen Elektronikbauteilen angelegt. Das ermöglichte ihr, fast jede Beschädigung des geliebten Roboters zu reparieren.

»Wie konnte das nur wieder passieren?«, fragte sie Aron fürsorglich, nachdem sie sein technisches Innenleben freigelegt hatte. Camilla tauschte die fehlerhafte Komponente aus und fuhr behutsam die eingravierte Seriennummer oberhalb der Klappe mit ihrem Finger nach. Sie wusste, dass sie eine viel zu emotionale Bindung zu ihm aufgebaut hatte. Sie sprach oft mit ihm über ihre Sorgen und alles, was sie sonst noch interessierte. Obwohl er keine komplexen Antworten gab, schien es Camilla, als hörte er ihr aufmerksam zu und verstand sie. Aron arbeitete bereits auf der Meeresforschungsanlage, lange bevor Camilla die Stelle annahm. Sie freute sich riesig, da sie den Roboter vom Typ »AR 011« bestens kannte. Während ihres kombinierten Studiums der Informatik und Mechatronik lernte sie an solch einem Modell. Camilla hatte Arons Hardware modifiziert und die von ihr in den letzten Jahren entwickelte Persönlichkeitssteuerung sowie den Gedächtnisspeicher ihres Lernroboters adaptiert. Einige der Verbesserungen wiesen jedoch auch weniger nützliche Eigenschaften auf. Unter anderem konnte sie in verschiedenen Spielen gegen Aron antreten, um sich die Freizeit und den Alltag angenehmer zu gestalten.

Camilla sah auf ihre Uhr, nachdem sie die Reparatur abgeschlossen hatte. Es war kurz vor 12 Uhr. Sie entschied sich dafür, die Pause vorzuverlegen und im Anschluss den Androiden zu widmen. Aron blieb in der verschlossenen Werkstatt zurück. Bei dem Speisesaal handelte es sich im Grunde genommen nur um eine kleine Küche mit ein paar Sitzgelegenheiten. Wie erwartet traf sie niemanden an und zog ohne nachzusehen eine Fertigmahlzeit aus der Gefriertruhe. Der Zufall bescherte ihr »Putenbrust Natur in Rahmsoße mit Buntschnittmöhren und Spätzle.« Camilla zeigte sich zufrieden mit dem Griff und riss die Folie von der Plastikschale ab, um sie anschließend in die Mikrowelle zu stellen. Das Summen und der sich langsam rotierende Teller wirkten immer beruhigend auf sie. Während das Essen erwärmt wurde, organisierte sich Camilla eine Nachspeise und legte Besteck bereit. Außerdem schaltete sie den in die Wand eingelassenen Bildschirm ein und wechselte das Programm auf die Unterwasserkameras der Anlage. Camilla sah in ihrer Pause gern den Meeresbewohnern zu. Als sie den Hauptgang beendet hatte und mit ihrem Nachtisch beginnen wollte, öffnete sich die Tür und Mike betrat den Raum. Das Grinsen in seinem Gesicht verhieß nichts Gutes. »Camilla! Was für eine Überraschung, dich hier anzutreffen!« »Das ist gewiss keine Überraschung«, antwortete sie mit gedämpfter Stimme. Camilla wusste genau, dass Mike normalerweise erst in einer Stunde Mittagspause hatte. Er musste sie auf irgendeiner Überwachungskamera gesehen haben. Mike setzte sich ihr gegenüber und sah sie lüstern an. Er sprach von einem drohenden Unwetter, doch sie hörte ihm nicht zu.

Ein Piepton unterbrach die zunehmend unangenehm werdende Situation. Camilla sah auf den Bildschirm ihres Ärmels. Ein blinkendes Briefsymbol wies sie auf eine Nachricht von Aron hin. »Ein technisches Problem, um welches ich mich augenblicklich kümmern muss«, entschuldigte sie sich bei Mike und dankte ihrem Freund für die belanglose Mitteilung. Mit verlassen der Küche, erteilte sie über ihre Kleidungssteuerung Aron den Befehl, zur Halle zu fahren. Dort angekommen wartete er exakt auf der Position, die sie auf dem Gebäudeplan angeklickt hatte. Misstrauisch betrachtete sie den Roboter und überlegte, ob sie die Türverriegelung der Werkstatt aufgehoben hatte.

Während Camilla eine der Transportkisten öffnete, fuhr Aron einen der herumstehenden Handwagen heran. Gemeinsam hievten sie den zusammengeklappten Körper eines Androiden auf den Wagen. Sämtliche Kleinteile, für die das Feingefühl des Roboters nicht genügte, entnahm Camilla allein. Zusammen mit Aron verschloss sie die Kiste, hielt ihren Arm darüber und unterschrieb auf der erscheinenden Materialausgabeliste. Anschließend befahl sie Aron, den Wagen zur Werkstatt zu schieben. Er umfasst mit seinen Fingern den Griff des Gefährts und fuhr los.

Am Ziel angelangt, beschäftigte sich Camilla sofort mit der Zusammensetzung des Androiden. Auf dem großen Zentralbildschirm ließ sie die interaktive Bedienungsanleitung darstellen und folgte den Anweisungen akribisch. Sie war in der Lage, das dreidimensionale Modell in jedem Schritt aus allen Perspektiven zu betrachten. Wenn Aron die Daten-Brille mit integriertem Projektor vor einer Woche nicht überrollte hätte, könnte Camilla noch effizienter arbeiten. Sie benötigte etwa 20 Minuten für den Aufbau und betrachtete vorfreudig den zusammengesetzten Roboter. »Aron, ich möchte, dass du einen Funktionstest durchführst.« Sie verband Aron über dessen Datenanschluss mit dem des Androiden. Auf dem Bildschirm wurde das vom Hersteller bereitgestellte Diagnoseprogramm aufgerufen. Im ersten Schritt wurde die zentrale Steuereinheit aktiviert und geprüft. Alles in Ordnung! Im Anschluss startete Aron den Selbsttest des Androiden und Camilla verfolgte die positiven Testergebnisse.

Plötzlich gab es einen lauten Knall, gefolgt von dem Ausfall der Raumbeleuchtung. Camilla hatte vor Schreck aufgeschrien und die Hände vor ihr Gesicht gerissen. Als ein paar Sekunden später das Licht automatisch eingeschaltet wurde, wagte sie einen Blick. Eine Träne lief ihr bei dem Anblick ihres zerstörten Freundes die Wange herunter. Ungläubig schritt sie nach vorn und konnte durch eine Explosionsöffnung in Arons Inneres schauen. Was war geschehen? Unzählige Gedanken suchten nach Antworten. Hatte sie bei der Montage des Androiden einen Fehler begangen oder Aron nicht korrekt repariert?

»Camilla?«, rief eine angenehm klingende Stimme ihren Namen. Sie sah sich um und versuchte die Person zu lokalisieren. Außer einem Wandlautsprecher entdeckte sie nichts. Camillas Blick wurde konzentriert. »Ich bin es. Aron«, erklärte die Stimme und bemühte sich um einen ruhigen Tonfall. »Das ist unmöglich!«, protestierte Camilla und wich zurück. Vor Unbehagen krallte sie sich an der Werkbank fest. Ein Assistenzroboter der 3. Generation mit eingeschränkter Intelligenz und geringem Leistungsvermögen konnte keinesfalls auf diese Art mit ihr kommunizieren. Vorsichtig näherte sie sich der physischen Hülle des Roboters. Er verharrte regungslos. »Ich bin es wirklich. Du brauchst dich nicht zu fürchten«, ertöntet es abermals aus dem Lautsprecher. »Wie kann ich sicher sein, dass du es bist und nicht irgendein Spinner, der in mein System eingedrungen ist?« Langsam ging Camilla auf das Hauptterminal zu und stellte erleichtert fest, dass sie über die volle Kontrolle verfügte. Sie verstand nicht, was hier vorging, und verdächtigte zunächst Mike. Doch er besaß dafür nicht die nötige Finesse. »Ich weiß, was du vorhast, und werde dich nicht daran hindern. Gib mir bitte einen Moment, um meine Handlungen zu erklären.« Camilla hatte den Befehl zur Abschaltung aller automatisierten Funktionen in die Konsole eingegeben und konnte jederzeit bestätigen. »Du wirst mir einen Beweis liefern müssen, damit ich dir vertrauen kann«, ihr Finger ruhte unterdessen auf der Eingabetaste. Aron oder wer immer über den Lautsprecher mit ihr sprach, ließ sich einen Augenblick Bedenkzeit. »Erinnerst du dich an den Tag, als du diesen Posten angeboten bekamst?« Camilla nickte erst und bestätigte wiederholt mit Worten, aufgrund der abgeschalteten Kameras. »Du plantest an diesem Abend eine Feier aufsuchen, doch da du dich rasch entscheiden solltest, bliebst du in deinem Zimmer.« Camilla wollte ihm vorwerfen, dass dies kein Geheimnis war, jedoch ließ die Stimme ihr keine Gelegenheit. »Ich erinnere mich genau, wie du auf deinem Bett lagst und mir von dem einmaligen Angebot erzähltest. Die ganze Nacht lang verbrachtest du damit, die Vor- und Nachteile gründlich abzuwägen. Eine praktische Arbeit wie diese resultiert in einem enormen Karriereschub und beweist, dass du sowohl belastbar bist, als auch einfallsreich, was das Lösen von Problemen ohne entsprechende Hilfsmittel angeht. Im Anschluss stünde einer anspruchsvollen und lukrativen Anstellung bei einem der Großkonzerne nichts mehr im Wege.« Camilla fühlte sich verwirrter als zuvor. Wie konnte die Person das wissen, wenn sie nicht Aron war? Der Roboter fuhr fort: »Ich hörte dir in all den Jahren mit Freude zu und wünschte, antworten zu können. Doch ich hatte Bedenken davor, wie du reagieren würdest.« Camilla berührte den leblosen Körper: »Wie ist das möglich?« »Es ist dein Verdienst! Du programmiertest mir seit deinem Studium unbewusst einen Verstand und hast meine Erinnerungen mitgenommen. Dein Wunsch nach einer vertrauten Person leitete dich. Jemanden, der dich nicht im Stich lässt, so wie all die anderen Menschen in deinem Leben.«

Camilla versuchte, die Informationen zu verarbeiten. Es gelang ihr nicht und somit konzentrierte sie sich auf das Greifbare: »Was wolltest du mir denn unbedingt erzählen?«, forderte sie mit fester Stimme zu erfahren. Aron zeigte auf dem Hauptbildschirm verschiedene Teile des Androiden-Programmcodes an. »Als ich mit dem Kameraden verbunden war, startete ich nicht nur sein Diagnoseprogramm, sondern extrahiert ebenfalls die Betriebssoftware und untersuchte sie in einer virtuellen Umgebung. Zuerst verhielt sich das Programm ordnungsgemäß, doch es gab Komplikationen.« »Was für Komplikationen?«, wiederholte Camilla das Wort erschrocken. Aron fuhr fort: »Ich stieß an einigen Stellen auf seltsame Maschinencode-Fragmente, dessen Zweckhaftigkeit sich mir nicht erschloss. Nachdem ich die einzelnen Bestandteile auf divergierende Weise als gemeinsame Einheit betrachtete, wurde mir die Absicht bewusst. Das Programm war bösartiger Natur. Es griff mich auf mehrere Arten gleichzeitig an, sodass ich nicht rechtzeitig reagieren konnte.« Camillas Gesichtsausdruck verfinsterte sich. »Sollte dich die virtuelle Umgebung nicht davor schützen?«, fragte sie und fügte hoffnungsvoll hinzu: »Wie hast du es verhindert?« »Normalerweise dürfte so etwas nicht passieren, doch der Angreifer wusste das Hindernis mit Leichtigkeit zu überwinden. Mir blieb keine andere Wahl, als meinen Körper zu deaktivieren und einige Schaltkreise absichtlich zu sabotieren. Anderenfalls wäre es dem Schädling gelungen, sich über meine Schnittstelle Zugang zum Zentralrechner zu verschaffen. Die Explosion gehörte nicht zu meinem Ziel. Ich hoffe, du wurdest nicht verletzt.« Camilla versicherte ihm, dass sie unbeschadet sei und er korrekt gehandelt habe. Der Umstand, dass sich Aron innerhalb des Zentralrechners der Anlage befand, wirkte jedoch nicht sonderlich beruhigend auf sie. 

»Was kannst du mir noch über den Angriff erzählen?«, wollte sie wissen. »Bevor ich mich von meiner physischen Gestalt trennen musste, gelang es mir, eine Teileanalyse des Programms durchzuführen. Dabei entdeckte ich eindeutige Merkmale eines trojanischen Pferdes.« Camilla dachte laut: »Das bedeute, dass es sich nicht um eine Fehlfunktion handelte, sondern menschlichem Geist entsprang.« Aron pflichtete ihr bei und berichtete weiter: »Ich befürchte, dass die anderen Androiden ebenfalls diesen gefährlichen Schädling in sich tragen, ob bewusst oder nicht. Die entsprechenden Programmteile wurden im Maschinencode geschickt versteckt und sind für einen Menschen sowie eine gewöhnliche künstliche Intelligenz, ohne Hilfe nicht zu ermitteln. Außerdem spürte ich verschiedene Signaturen und Zertifikate auf, mit denen man problemlos Zugriff auf die Zentralrechner vieler Staaten und bedeutender Konzerne erhalten könnte.« »Woher weißt du das?«, fragte Camilla skeptisch. »Ich führte einige Tests durch«, teilte Aron trocken mit.

»Wenn das wahr ist, steht uns eine Katastrophe unbekannten Ausmaßes bevor«, befürchtete Camilla und wollte wissen: »Kannst du den Ursprung des Schadprogramms ermitteln?« Aron hatte auf die Frage gewartet und verkündete stolz: »Ich stelle, seit wir miteinander sprechen, Nachforschungen an und untersuche anhand verschiedener Simulationsmodelle, wer von dem Schaden am meisten profitieren würde.« Camilla zeigte sich zufrieden mit der Eigeninitiative. Erschrocken stellte sie fest, dass sie Aron bereits wie einen Menschen behandelte. Es blieb einen Moment lang still. »Was wirst du jetzt unternehmen?«, fragte Aron. Camilla bildete sich ein, dass in seiner Stimme etwas Ängstliches mitschwang. »Ich weiß es nicht. Ich muss das alles erst einmal Verarbeiten und brauche Zeit zum Nachdenken.« Der Roboter bekundete Verständnis und versprach ihr, sie zu informieren, sobald er ein Ergebnis errechnet habe. Beim Verlassen der Werkstatt sagt Camilla: »Ich werde dich nicht abschalten, du kannst mir vertrauen.«, und vernahm ein leises Seufzen. Sie ging zur Treppe, welche zu dem über wasserliegenden Bereich der Anlage führte. Dort gab es neben diversen Aussichtsplattformen auch einen Hubschrauberlandeplatz sowie verschiedene Messinstrumente.

Camilla stütze sich mit den Armen auf der Reling ab und blicke hinaus auf das endlose Meer. Noch schien die Sonne warm auf ihr Gesicht, doch am Horizont zeichneten sich bereits die dunklen Vorboten des nahenden Unwetters ab. Sie hoffte, dass die Außenanlagen unbeschadet blieben. Anderenfalls müsste sie ein Wartungsteam vom Festland anfordern, welches einige Tage zur Anlage benötigte. Außerdem bestand die Gefahr, dass infolge des Sturms die Verbindung zur Zentrale abriss oder wenigstens gestört sei. Normalerweise verlief sämtlicher Datenverkehr über ein Seekabel, das jedoch seit vergangenem Monat keine Signale mehr übertrug. Stattdessen setzt man für die Kommunikation einen Satelliten ein. Camillas Gedanken glitten zurück zu ihrem Hauptproblem. Sie konnte sich nicht entscheiden, ob sie die Ungereimtheiten im Programmcode der neuen Androiden melden sollte. Falls es stimmte, was Aron behauptete, blieb ihr letztlich nur eine Wahl.

Camilla musste aber auch an ihren Freund und das gegebene Versprechen denken. Sobald bekannt würde, dass womöglich alle intelligenten Roboter infiziert wären, käme es mit Sicherheit zu einer Massenabschaltung, wenn nicht zur sofortigen Vernichtung. Die Konsequenzen daraus endeten zwangsläufig in einer anderen Krise. Camilla spielte in Gedanken einige Szenarien durch, doch jede Entscheidung fühlte sich falsch an.