Sommer, Sonne und Verstecke
von M. Fischer

Alexander verbrachte bereits seinen dritten Urlaubstag im Hotel und hatte bisher kaum etwas von der Insel gesehen. Er beschloss, dass er am darauf folgenden Tag endlich die Umgebung erkunden müsste, um die schönen Seiten seines Ferienzieles kennenzulernen. Er nahm sich vor, dabei auch den einen oder anderen Geocache zu suchen.

Alexander stand pünktlich sieben Uhr morgens auf, eine Zeit, zu der alle anderen Gäste noch tief und fest schliefen. Selbst die Liegenbesetzer hatten sich nach getaner Arbeit wieder zu Bett gelegt, um von ihren Premiumplätzen direkt am Pool zu träumen. Der junge Mann an der Rezeption, von dem Alexander ein Verpflegungspaket abgeholt hatte, war froh über die kleine Abwechslung. Das Auto, ein Renault Cilo, hatte Alexander bereits am Vortag ausgeliehen, da die Vermietung erst in einigen Stunden öffnen würde. Er war gut vorbereitet und konnte starten. Seine Reiseleiterin hatte ihm empfohlen, zuerst eine Thermalquelle im Süden der Insel zu besuchen. Dieser wurden heilende Kräfte nachgesagt. Sie erzählte ihm weiterhin, dass es dort schnell überlaufen wäre und man deshalb die Morgenstunden für einen Aufenthalt nutzen sollte.

Die Straßen waren wie leer gefegt und nur gelegentlich begegnete er anderen Fahrzeugen. Meistens waren es verschlafen dreinblickende Hotelangestellte auf dem Weg zu ihrem Arbeitsplatz oder Transporter, welche frisches Obst, Gemüse und andere Waren zu den Ferienanlagen lieferten. Das im Clio eingebaute Navigationsgerät führte Alexander zielsicher durch die teils engen und schlecht ausgebauten Straßen. Er war froh darüber, dass er nicht sein Mobiltelefon dafür benutzen musste, um an die einzelnen Wegpunkte zu gelangen. Die Energieeinsparung würde sich später, wenn er zu Fuß unterwegs ist, durch eine längere Laufzeit auszahlen.

Alexander konnte nicht ganz bis an die Thermalquelle heranfahren, da das letzte Stück nur für kleine geländegängige Fahrzeuge geeignet war. Er stellte sein Auto am Parkplatz neben der Bushaltestelle ab und machte sich auf zur Quelle. Das interessanteste an diesem Ort war, dass die Quelle direkt am Meer lag und den Kontrast zwischen kaltem und heißem Wasser bot. Da er den Geruch von Thermalwasser nicht ausstehen konnte, ging er nicht baden, sondern brach nach einigen Minuten wieder auf.

Sein nächstes Ziel, zu dem er fuhr, war die Inselhauptstadt. Er parkte sein Fahrzeug etwas abseits des Stadtzentrums. Auf dem Weg in die Innenstadt kam er an einigen Ausgrabungsstätten vorbei. Wenn diese schon geöffnet hätten, wäre Alexander bestimmt nicht daran vorbei gelaufen. Nach einer Weile erreichte er den Freiheitsplatz und damit den Stadtkern. Es gab hier eine Moschee aus dem 16. Jahrhundert sowie ein archäologisches Museum und viele Cafés. Alexanders Ziel war jedoch die berühmte Markthalle mit den vielen Bögen und der schlaff hängenden Flagge am Dachmast. In seinem Reiseführer stand, dass der Markt bereits zeitig öffnete. Ein Grund, weshalb dieser Ort sich ganz oben auf seiner Besichtigungsliste befand. Zielstrebig lief er in das von Italienern erbaute Gebäude und war augenblicklich überwältigt von den Düften, die ihm entgegen strömten. Das Sortiment in dem Geschäft war trotz der überschaubaren Größe überwältigend. Alexander entdeckte viele Lebensmittel, Gebrauchsgüter und Andenken, die man in seiner Heimat nicht ohne Weiteres erwerben konnte. Alexander kaufte sich eine kleine Tüte getrocknetes Obst, von der er auf dem Rückweg zu seinem Auto naschte.

Er hatte nur einen Bruchteil der Stadt gesehen und beschloss unbedingt noch einmal wieder zu kommen. Dann würde er aber einen ganzen Tag hier verbringen und sich alles in Ruhe ansehen. Er könnte sich dann ein Moped ausleihen, um die kurze Strecke von seinem Hotel bis zur Stadt zu bewältigen.

Die nächste Sehenswürdigkeit, die sich Alexander ansehen wollte, lag nicht weit von der Hauptstadt entfernt. Es war das Heiligtum des Asklepios und gleichzeitig die bedeutendste archäologische Stätte auf der Insel. Anfang des 20. Jahrhunderts stieß der deutsche Archäologe Rudolf Herzog auf die Tempelanlage. In der Antike erfüllte dieser Ort die Funktion eines Krankenhauses. Die Heilkünste waren jedoch stark geprägt von dem Glauben an die alten Götter und speziell des Asklepios. Einst lebte der berühmte Arzt Hippokrates an diesem Ort und half den bedürftigen Menschen.

Alexander war beeindruckt von der Größe und der gut durchgeführten Teilrekonstruktion der Anlage. Er nahm sich viel Zeit, um alles zu erkunden und ganze Bildreihen mit seiner hochwertigen Fotokamera aufzunehmen. Als die Zahl der Touristen allmählich anstieg und sich immer mehr Reisebusse zum Haupteingang schoben, beschloss Alexander seine Inselrundfahrt fortzusetzen.

Auf die nächste Station freute er sich ganz besonders, denn dort würde er seinen ersten Geocache suchen. Das Ziel lag etwas abseits der Hauptverkehrsstraße, auf der man die Insel von West nach Ost bereisen konnte. Er bog, der Aufforderung folgend, in einen Feldweg ein und fuhr soweit, wie er es dem Auto zutraute, den Rückweg zu bewältigen. Als es schließlich nicht mehr weiterging, parkte er am Wegesrand und schnappte sich seine Ausrüstung. Alexander erkannte sofort den ausgetretenen Pfad zwischen den Sträuchern. Er war also auf der richtigen Spur, denn nirgendwo sonst gab es Anzeichen von Zivilisation.

Alexander vergewisserte sich noch einmal, dass er wirklich allein war. Nach etwa dreißig Metern, die ihn auch über ein paar kleinere und größere Steine führten, erreichte er einen uralten Olivenbaum. Dieser war auf der einen Seite von einer Felswand und auf der anderen durch einige dicht stehende Zypressen umgeben. Der Baum war an dieser Stelle vor Witterungseinflüssen gut geschützt und konnte mystisch gedeihen. Trotz der gekrümmten und stark verzweigten Äste trug der Baum viele dunkel violette Früchte. Wenn Alexander zu Zeiten seines großen Namensvetters gelebt hätte, dann wäre dieser Platz sicherlich die Verehrungsstätte eines Gottes gewesen. Erst nachdem ihm die Szenerie ein paar unvergessliche Augenblicke bescherte, vernahm er ein ruhiges Plätschern. Er folgte der bei dieser Hitze bezirzend klingenden Melodie und wurde an der Felswand fündig. Aus einer schmalen Spalte im Gestein floss sanft ein wenig Wasser. Am Boden sammelte es sich in einer kleinen Pfütze und lief in Richtung Olivenbaum, um dort zu versickern.

Alexander erinnerte sich wieder, weshalb er hergekommen war. Er zog sein Mobiltelefon aus der Beintasche, welches mit einem starken Zusatzempfänger gekoppelt war. Die Koordinaten seiner aktuellen Position stimmten exakt mit denen der Zieldaten überein. Er rief sich die Beschreibung des Versteckes in Erinnerung, welches sich hier befinden sollte. Er hätte natürlich auch nachschauen können, doch er bevorzugte eine gute Vorbereitung. Der entscheidende Hinweis lautete: Folg dem Wegweiser des Apollons! Alexander suchte akribisch die Umgebung mit seinen Blicken ab. Etwa einen halben Meter links des Quellenursprungs stoppte er seine Suche. Im ersten Moment war er sich nicht sicher, ob er das gesehene korrekt deutete. Auf der bräunlichen Gesteinswand zeichnete sich eine hellere Stelle ab. Es gab viele dieser Stellen in den unterschiedlichsten Ausprägungen an der Wand. Diese jedoch unterschied sich von allen Anderen durch ihre besondere Form. Sie war zackig und an der unteren Seite spitz. Alexander war nun überzeugt davon, dass die Aufhellung die Gestalt eines Pfeiles aufwies. Er folgte mit seinem Finger der Richtung in die die Pfeilspitze wies, bis er gegen einen locker sitzenden Stein stieß. Vorsichtig umfasste Alexander den Stein und zog ihn heraus. Die Vormittagsonne fiel in das dahinterliegende schmale Loch und Alexander erkannte die charakteristische Dose mit dem grünen Deckel. Stolz und mit einem Lächeln auf den Lippen barg er das Behältnis.

Der Eintrag im Logbuch war schnell geschrieben, nachdem Alexander zur Kontrolle noch einmal die Zeit und das Datum auf seiner Armbanduhr abgelesen hatte. Anschließend legte er das Behältnis zurück in das Versteck und richtete dieses wieder wie vorgefunden her. Er trat zum Olivenbaum und genoss den wundervollen Ort ein letztes Mal, ehe er sich dazu entschloss aufzubrechen. Doch plötzlich wurde die Stille durch ein Rascheln unterbrochen. Alexander sah sofort zu den Zypressen, aus deren Richtung das Geräusch kam. Zwischen den immergrünen Zweigen tauchten zwei Gesichter auf. Ihr Ausdruck war ebenso erschrocken wie der von Alexander. Vorsichtig trauten sich die beiden Frauen aus dem Unterholz, als Alexander sie mit einem freundlichen „Hello” begrüßte. Die größere Frau trug ein hellblaues Shirt und eine knielange cremefarbene Stoffhose. Außerdem hielt sie in ihrer rechten Hand ein Gerät, das geradewegs auf den Olivenbaum zeigte. Die andere wagte schließlich einen Schritt nach vorn und erwiderte die Begrüßung. Ihr Akzent verriet augenblicklich ihre Herkunft. Alexander begutachtete die leichten Wanderstiefel der beiden und war sich sicher, dass sie aus demselben Grund wie er hier waren. „Kommt ihr aus Deutschland?“, fragte er und bekam daraufhin ein freudiges Kopfnicken. „Ich bin Helena und das ist Tessa.“, antwortete die Frau mit dem Navigationsgerät in der Hand und deutete kurz neben sich. „Wir sind hier, weil wir auf der Suche nach einem ...“, Alexander unterbrach Helena und vollendete den Satz „Geocache sind. Deshalb bin ich auch hier.“ Erleichtert blicken Helena und Tessa einander an. „Das ist unser erster Cache hier im Urlaub. Wir glaubten bereits uns ein bisschen verirrt zu haben, da das Positionssymbol auf dem GPS manchmal wild hin und her sprang.“, sagte Tessa und war an den Olivenbaum herangetreten, um eine erste Sichtung des möglichen Versteckes vorzunehmen. Alexander, der Helena gegenüberstand, kannte das Problem: „Ich habe mir extra einen zusätzlichen Empfänger mitgenommen, damit ich solche Ungenauigkeiten vermeiden kann.“ „Ein Profi also.“, witzelte Helena und fragte ihn dann: „Hast du das Versteck schon gefunden?“

„Kurz bevor ihr eingetroffen seid. Wollt ihr einen Hinweis haben?“, fragte Alexander und sah dabei zu Tessa, die gerade damit beginnen wollte, den Baum ausführlicher zu untersuchen. Sie hatte Alexanders Blick bemerkt und ließ vom Baum ab. „Danke aber wir wollen es zunächst allein versuchen.“, lehnte Helena freundlich ab. Tessa war derweil zur Felswand gelaufen und setzte dort die Suche fort. Alexander überlegte, ob er sich auf den Rückweg machen sollte, als Tessa ihm zurief: „Vielleicht kannst du noch zwei Minuten warten, falls wir nicht fündig werden.“ Helena flüsterte ihm zu: „Sie hasst es nichts zu finden und wird dann immer ganz unleidlich.“, gerade so laut, dass Tessa es noch verstand. „Sehr witzig!“, sagte sie grimmig.

„Wie heißt du eigentlich?“, wollte Helena von Alexander wissen und überließ fortan Tessa die ganze Arbeit. „Ich bin Alex.“, antwortete er und setzte sich auf einen Stein. Dann öffnete er seinen Rucksack, nahm eine Flasche Wasser heraus und trank einen kräftigen Schluck. Anschließend löste er den Knoten der Plastiktüte des Verpflegungspaketes und entnahm diesem einen Wallnussriegel mit Honigüberzug. Alexander zerriss die Verpackung, brach den Riegel in zwei Hälften und bot eines der Stücke Helena an. Sie zögerte einen Moment und sah sich nach Tessa um. Ihre Freundin war so damit beschäftigt, die Finger in Gesteinslöcher zu stecken, dass sie nicht auf ihre Umgebung achtete. Mit einem verschwörerischen Grinsen griff Helena zu und steckte sich die Süßigkeit im Ganzen in den Mund. Mit ihren Lippen formte sie tonlos ein „Dankeschön“. Nach weiteren fünf Minuten gelang es Tessa endlich, das Versteck zu finden. Jedoch war dieser Fund nicht dem Resultat einer logischen Vorgehensweise geschuldet, sondern stark vom Zufall geprägt. Sie führte einen spontanen „Ich-habs-gefunden“-Tanz auf, ehe sie sich wieder daran erinnerte, dass sie nicht mit ihrer Freundin allein war. Peinlich berührt und immer noch in freudiger Pose verharrend, sah sie zu Helena und Alexander, die sich kaum noch vor Lachen halten konnten. „Na und! Ich freue mich eben sehr gerne!“, entgegnete Tessa den beiden.

„Warum habt ihr eigentlich den umständlichen Weg durch die Bäume gewählt?“, wollte Alexander wissen, nachdem er sich wieder beruhigt hatte. Bevor Helena darauf antworten konnte, kam ihr Tessa zuvor: „Wir wussten nicht, dass es einen direkten Pfad gab.“, sie deutete auf die Schneise, von der aus Alexander diesen Ort erreicht hatte. „Auf der Karte sah der Weg durch den Wald nicht weit aus und anderenfalls hätten wir das ganze Gebiet erst umgehen müssen.“ „Verstehe! Was habt ihr als Nächstes vor?“, fragte Alexander, der bereits eine Vorahnung hatte.

Diesmal war es Helena, die sprach: „Unser Plan war es, noch einen weiteren Cache zu finden. Er liegt etwas weiter westlich von hier.“ Sie machte eine Pause und trug sich in das Logbuch ein. Anschließend gab sie es Tessa zurück, die es wieder in der Felsspalte versteckte. „Allerdings bezweifele ich, dass wir es bis dorthin schaffen. Auf der Karte sahen die Wege nicht so lang und anspruchsvoll aus.“ Alexander glaubte zu wissen, von welchem Geocache Helena sprach, da dieser der Nächste auf seiner Liste war. „Du sprichst bestimmt von dem Versteck in der verlassenen Stadt?“ Helena nickte: „Genau das meine ich. Die Ruinen sollen selbst ohne Cache einen Besuch wert sein.“ Tessa schüttelte den Kopf „Wenn jucken diese blöden Steinmauern. Ich will nur den Cache loggen.“ Alexander dachte einen Moment nach und sagte dann schließlich: „Ich wollte das Versteck sowieso als Nächstes aufsuchen und mein Auto steht gleich dahinten. Ich kann euch gerne mitnehmen, wenn Ihr wollt.“

Die Freundinnen sahen einander an und schienen wortlos zu kommunizieren. Eine bemerkenswerte Fähigkeit wie Alexander befand. Nach ein paar Augenblicken waren sie zu einer Entscheidung gekommen: „Wir nehmen dein Angebot gerne an.“, sagte Helena und Tessa fügte hinzu „Aber ich werde mich als Erste ins Logbuch einschreiben, damit das klar ist. Und ich sitze vorn!“, daraufhin lachten alle.

Sie hatten den Mietwagen von Alexander schnell erreicht und ihre Sachen verstaut. Im Clio war es beengt und vor allem sehr heiß. Das Fahrzeug war fast eine halbe Stunde lang der prallen Sonne ausgesetzt gewesen und hatte sich in dieser Zeit extrem aufgeheizt. Sie ließen die Türen eine Weile offen stehen, damit die heiße Luft entweichen konnte. Den Rest musste die Klimaanlage übernehmen. Nach etwa 25 Minuten Fahrt auf sehr schmalen Straßen und einem Zwangsstopp aufgrund einer Ziegenherde, die den Weg blockierte, erreichten sie einen einfachen Parkplatz aus planiertem Geröll. Dieser Platz war einer der zwei möglichen Startpunkte für das nächste Versteck. Neben dem Parkplatz befand sich eine kleine Basilika, welche dem Heiligen Vasilios geweiht war. Das Gebäude war weiß gestrichen und hatte ein rotes Ziegeldach. Ein schmaler eckiger Torbogen mit einem Kreuz darauf bildete den Zugang zum Grundstück.

Hinter der Kirche befand sich der Anfang eines Fußweges. Ein Schild verriet, dass man über diesen Weg zu den Ruinen der alten Stadt gelangte. Missmutig betrachtete Tessa den Aufstieg: „Das wird bestimmt nicht einfach werden.“ Helena und Alexander stimmten ihr zu. Bereits die ersten Meter ließen erahnen was noch auf die kleine Gruppe zukommen würde. Der Weg wurde schnell steiler und steiniger. Manchmal entdeckten sie Eidechsen, die sich auf Felsen abseits des Weges sonnten. Zwischenzeitlich bestand der Weg nur aus verschieden großen Steinen, welche nicht eben zueinander lagen. Man konnte auf diesem Teilstück sehr leicht ausrutschen und böse stürzen. Damit dies nicht geschehen konnte, befand sich am Abhang eine Mauer von etwa 50 cm Höhe. Hinter dem Wall ging es steil bergab und auf der anderen Seite verlief eine weitere Straße. Helena folgte mit ihrem Blick der Straße und erkannte, dass sie weiter vorn an dem anderen Parkplatz endete. „Wenn wir bis dorthin gefahren wären, müssten wir vermutlich nicht soweit laufen.“, stellte sie fest. Glücklicherweise hatte Tessa Helenas Erkenntnis nicht gehört, sondern lief zielstrebig weiter. Überhaupt hatten sie alle schon seit ein paar Minuten nicht mehr miteinander gesprochen, um Kräfte zu schonen. Die Sonne brannte mit hoher Intensität auf der Haut und ließ jeden sofort ins Schwitzen geraten. Von den hellen Felsen der Umgebung wurde zusätzlich das Sonnenlicht reflektiert und blendete stark. Das hatte auch Tessa bald bemerkt und ihre Freundin gebeten, ihr ihre Sonnenbrille aus dem Rucksack zu geben. Bei dieser Gelegenheit machten sie eine kurze Pause und tranken einen Schluck Wasser.

Der Weg führte sie immer weiter nach oben und laut Reiseführer würde er erst an einer alten Burg enden. Doch ihr Ziel lag in einer anderen Richtung. Kurz darauf erreichten sie die ersten Ausläufer der verlassenen Stadt. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es hier zu einer Choleraepidemie. Die Bewohner waren damals dazu gezwungen, sich ein paar Kilometer landeinwärts ein neues Heim zu bauen. Tessa war als Erste unter dem steinernen Torbogen in die ehemalige Kapelle gelaufen. Sie vermutete, dass der Cache in dem gut erhaltenen Gebäude verborgen lag. Helena und Alexander wussten es besser und folgten ihr gemütlich. Offenbar wurde die Kapelle von Zeit zu Zeit noch genutzt. Es gab ein paar Stühle, einen Tisch und eine Art Pult. Das nicht sehr hohe Gebäude war aus großen Steinen gemauert. Nachdem Helena ein paar Fotos von innen und außen aufgenommen hatte, folgten sie weiter dem Weg. Überall sahen sie die Grundrisse der ehemaligen Wohnhäuser, die durch dreilagige Steinmauern angedeutet waren. Im nördlichen Teil des Dorfes waren einige Gebäude neu aufgebaut worden. Das Navigationsgerät führte die Gruppe jedoch nach Osten. Der Weg verzweigte sich immer häufiger, sodass sie an jeder Gabelung auf die digitale Karte schauen mussten. Sie begegneten hier zum ersten Mal einigen Touristen. Helena erzählte zur Ablenkung des beschwerlichen Anstieges die Geschichte der Stadt, worauf Tessa fragte: „Meint ihr, wir könnten uns noch anstecken?“ Alexander sah zu Helena und ihrem Gesichtsausdruck zufolge, war sie sich auch nicht sicher, ob Tessa das ernst gemeint oder doch nur im Spaß gesagt hatte. Keiner sprach je wieder über diese Situation. Im Dorf und dessen näherer Umgebung wurde die karge Landschaft durch Blumen, Sträucher und Bäume lebendiger.

Als sie wieder ein Stück des vor ihnen liegenden und für die Umgebung flachen Berges erklommen hatten, wurde die Aussicht besser. Wenn sie nach oben sahen, erblickten sie ein kleines Gebäude. Tessa las an einem Wegweiser, dass es sich um eine Taverne handelte. Beim Aussprechen bemerkte nicht nur sie ihren trockenen Mund. Alle sehnten sich nach einer kühlen Erfrischung, da das Wasser im Rucksack inzwischen die Außentemperatur angenommen hatte. Entweder hatte das Navigationsgerät auch Durst oder der Geocache befand sich tatsächlich in der Nähe des Gasthauses. Alexander wusste, dass es so war, und teilte den anderen die freudige Botschaft mit. Währenddessen sich Helena und Tessa zu Alexander umgedreht hatten, um ihm ihre Freude kundzugeben, entdeckten sie die Festung, auf deren halben Anstieg sie in Richtung Dorf abgebogen waren. Bis zur Taverne waren es nur noch siebzig Meter, doch durch das beschwerliche Terrain und die unerträgliche Hitze, fühlte es sich sehr viel weiter an. Dazu kam, dass an diesem Tag kaum Wind wehte. Normalerweise sorgte der gelegentlich böige Meereswind für ein erträgliches Körpergefühl. Doch nun, da der Wind fehlte, fühlten sich 37,2 °C sehr erschöpfend an. Kraftlos erklommen sie die letzten Stufen zum Gasthaus.

Im Eingangsbereich führte eine fünfstufige Treppe zu dem Gästebereich. Alexander war ganz auf sein Navigationsgerät fixiert und wäre deshalb beinahe auf den Schäferhundwelpen getreten, der neben der Treppe ein Mittagsschläfchen hielt. Helena hatte ihn jedoch rechtzeitig zu sich herangezogen und damit das drohende Leid verhindert. Eine ebenfalls noch junge Katze mit weißem Bauch und schwarzem Rücken lag neben dem Hund. Als sie die Gefahr erkannte, gab sie den Schlafplatz auf und flüchtete über die angrenzende Mauer. „Noch etwa zwanzig Meter!“, sagte Alexander und bedankte sich gleichzeitig bei Helena mit einem Nicken, als er den Hund erspähte. Tessa grüßte auf der Landessprache den Gastwirt. Der junge Mann mit dunklen Haaren saß auf einem Stuhl auf der zweiten Ebene des Grundstückes und trank einen Frappé. Helena ging gefolgt von Tessa und Alexander zu einem der überdachten Tische und nahm Platz. Von hier aus hatte man einen wundervollen Blick auf die höher gelegene Festung. Rechts und links davon konnte man das Meer und einige Inseln erkennen. „Von der Festung aus hatten die Byzantiner einen sehr guten Überblick über die Region und konnten Gefahren frühzeitig erkennen.“, stellte Helena bei dem Anblick fest und Tessa fügte hinzu: „Vor Angreifern brauchten die auch keine Angst zu haben, bei diesem schweren Anstieg.“ Während die drei und ein älteres Pärchen, das zwei Tische weiter saß, noch die Postkartenansicht genossen, hatte der Kellner sich von seinem Stuhl erhoben, um seine neuen Gäste zu bedienen. „Kalimera, do you like something to drink?“, fragte er in sehr gutem Englisch. Tessa bestellte als Erste einen Erdbeermilchshake. Helena und Alexander entschieden sich beide für einen Orangensaft. „Ich kann es kaum noch erwarten, endlich etwas zu trinken.“, sagte Tessa und verdeutlichte ihren Durst durch ihre ausgestreckte Zunge. „Geht mir genauso! Alex weißt du, wo sich das Versteck befinden könnte?“, wollte Helena wissen. Alexander sah auf sein GPS-Gerät: „Nur noch sieben Meter in diese Richtung.“ Mehr auffällig als unauffällig neigte er seinen Kopf nach rechts zum Zielpunkt. „Es muss dort oben sein, die kleine Treppe hinauf zu den anderen Tischen.“

Tessa saß am ehesten in einer Position, von der aus sie etwas erkennen konnte. Gespannt warteten Helena und Alexander auf ihre Beobachtung. „Ich sehe nichts! Wir müssen da wohl rauf gehen und suchen.“ Als der Kellner wieder auftauchte, wechselten sie schnell das Thema, auch wenn er sie vermutlich nicht verstand. Höflich bedankte sich jeder, als er sein Getränk bekam. „Enjoy your drinks!“, sagte der Kellner und verschwand wieder zu seinem Sitzplatz. Die anderen Gäste nutzten die Gelegenheit, um ihre Rechnung zu begleichen. Danach verließen sie die Taverne in Richtung Dorf. „Ahh“, stöhnten die drei Geocacher fast gleichzeitig auf, nachdem sie die ersten Schlücke getrunken hatten. „Hier würde ich auch gerne Leben! Jeden Tag viel Sonne und eine super Aussicht. Gelegentlich müsste ich ein paar Gäste versorgen und dabei nette Gespräche führen. Kann es einen schöneren Ort auf Erden geben?“, schwärmte Helena und blickte gedankenverloren auf die Festungsüberreste, welche sich fast nahtlos vom felsigen Gestein erhoben. „Für mich wäre das nichts! Ich bräuchte mehr Abwechslung und Leben.“, gab Tessa auf Helenas Tagtraum wieder. „Warum habe ich nur mit dieser Antwort gerechnet?“, sagte Helena und lächelte Tessa wissend an. Alexander, der den Insider-Witz der beiden Freundinnen nicht kennen konnte, nahm ein Schluck seines Getränkes. „Für was würdest du dich entscheiden, wenn du zwischen einem Leben hier oder wo anders wählen müsstest?“, bezog Tessa Alexander mit in die Diskussion ein. Dieser wechselte seinen Blick zwischen den Frauen hin und her. Nach einem kurzen Moment versuchte er sich diplomatisch: „Vielleicht wäre beides gut. Man lebt solange hier bis einem langweilig wird und geht dann in die Stadt, bis man von dieser wieder genug hat.“ Stolz auf seine Antwort nahm er einen weiteren Zug aus seinem Glas. Tessa winkte ab und war sichtlich unerfreut über seine Antwort. „Du musst dich schon entscheiden, solche halben Aussagen lasse ich nicht gelten!“ Gespannt wie bei einem Wettkampf sahen Tessa und Helena zu Alexander. „Na schön, wenn ihr unbedingt auf eine Entscheidung besteht, dann ...“, beide nickten eifrig während der entstandenen Pause, „würde ich ein Leben an diesem schönen Ort bevorzugen, weit weg von dem stressigen Alltagsgeschäft.“ Ein bisschen enttäuscht senkte Tessa den Kopf, während Helena sie mit dem Ellenbogen als Zeichen ihres Triumphes stichelte. „Ihr seid eben zwei Langweiler, die nicht wissen was Spaß bedeutet!“, lästerte Tessa leise und stocherte in dem Rest ihres Milchshakes herum. Nachdem alle ausgetrunken hatten, beschlossen sie ihr eigentliches Ziel wieder in Angriff zu nehmen. Helena erhob sich zuerst und zog eine kleine Geldbörse aus ihrer Hosentasche: „Ich werde bezahlen gehen! Ihr könnt unterdessen schon mal nach dem Cache suchen.“ Als Alexander ebenfalls etwas Geld für sein Getränk hervor holen wollte, schüttelte Helena freundlich den Kopf. „Das geht auf uns, schließlich hast du uns gefahren.“ Beide lächelten verlegen zum Zeichen des gegenseitigen Dankes. Tessa war inzwischen aufgesprungen und schnappte Helena die Geldbörse aus der Hand. „Ich mach das schon! Geht ihr beide ruhig vor.“, sprach sie und verschwand augenblicklich. „Ok!“, sagte Helena etwas verwirrt und ging zusammen mit Alexander zu dem höher gelegenen zweiten Gästebereich, von dem sie die Gegend nach Westen hin überblicken konnte.

„Weißt du, was das gerade war?“, fragte Helena und hatte einen Verdacht. Alexander schüttelte den Kopf: „Ich habe keine Ahnung aber vielleicht findet sie den Kellner süß.“ Daran hatte Helena nicht gedacht. Der Weg kreuzte sich vor den beiden. Nach links gelangte man zu weiteren Tischen unter einem alten Baum. Der andere Weg führte an den Abhang und war durch eine Mauer gesichert. Laut Koordinaten befand sich das Versteck genau in der Felswand zwischen den beiden Wegen. „Im Hinweis stand etwas von einem Gatter.“, überlegte Helena laut und versuchte den Hinweis mit der Umgebung in Einklang zu bringen. Alexander wagte sich einen Schritt nach rechts. „Es sieht so aus, als ob die Felswand sich nach unten hin zu einem kleinen Loch im Gestein verengt.“ Aufgrund seiner Beobachtung entschieden sie sich für den Weg an der Klippe. Nachdem Helena und Alexander die Stelle erreichten, an der sie das Versteck vermuteten, mussten sie feststellen, dass sich dort außer ein paar losen Steinen nichts von Interesse befand. Alexander überprüfte erneut die Koordinaten „Wir hätten wohl doch den anderen Weg nehmen müssen.“, ärgerte er sich und zeigte das Ziel oberhalb der Felswand an. Helena deutete ihm, sich umzudrehen: „Ist das nicht eine wunderbare Aussicht?“ Alexander pflichtete ihr bei. Sie standen dicht beieinander und ließen ihre Gedanken schweifen, während sie den fantastischen Anblick genossen.

„Jippi“, unterbrach ein halblauter Freudenschrei die Stille und riss Helena und Alexander zurück in die Wirklichkeit. Vor Schreck zusammengezuckt, drehten sich beide augenblicklich um. Sie sahen Tessa oberhalb des Felsens aufgeregt mit etwas in der Hand herumspringen. „Sie war offensichtlich erfolgreich.“, interpretierte Alexander das Gesehene. „Das befürchte ich auch.“, stimmte Helena ihm nicht ganz ernst gemeint zu und fuhr fort: „Lass uns zu ihr gehen.“ Oben angekommen empfing sie Tessa strahlend und präsentierte ihnen die Dose mit Schraubverschluss. „Wo hast du sie gefunden?“, erkundigte sich Helena und wollte damit Tessas überschwängliche Freude mindern. Doch Tessa ließ sich keineswegs die Gelegenheit entgehen allen zu zeigen, dass sie die beste Geocacherin war. „Ich wusste sofort, dass ihr auf dem falschen Weg seid. Ich habe den Baum gesehen und mir war klar, wo ich suchen musste.“ Tessa drehte den Deckel ab und entnahm das Logbuch. Selbstverständlich trug sie sich zuerst ein, denn schließlich hatte sie den Cache gefunden. Als Alexander sich einschrieb, nutze Helena die Zeit um das Versteck näher zu inspizieren. Es war nichts weiter als ein großes Loch im Baum. Man konnte es ohne Probleme auch im Sitzen von einem der umliegenden Tische entdecken. „Vermutlich hätte das Versteck auch ein Blinder finden können.“, spottete Helena, ließ es aber nicht so klingen.

Helena verewigte sich als Letzte im Logbuch und versteckte den Cache anschließend wieder im Baum. Sie musste von Tessa nicht die genaue Position erfahren, denn diese war eindeutig. „Was haltet ihr davon, wenn wir noch ein Foto von diesem Moment machen?“, fragte Alexander die Freundinnen und war bereits dabei die Kamera aus dem Rucksack zu nehmen. „Klar doch! Gute Idee!“, lautete die Antwort auf seinen Vorschlag. Alexander entschied, dass die alte Festung im Hintergrund das beste Motiv darstellte. Er verwies Tessa und Helena auf die entsprechenden Positionen und machte sich anschließend daran einen geeigneten Platz für die Kamera zu finden. Als er zufrieden mit der Ausrichtung und den Beleuchtungseinstellungen war, startete er den Selbstauslöser. Gemächlichen Schrittes ging er zu Tessa und Helena und stellte sich zwischen die beiden. Mit ablaufender Zeit flackerte die kleine rote Leuchtdiode an der Vorderseite der Kamera immer heftiger. „Bitte lächeln!“, forderte Alexander, kurz bevor die Kamera drei Bilder hintereinander aufnahm. „Kannst du uns die Bilder schicken, wenn du wieder zu Hause bist?“, bat Helena. „Sicher! Ich brauche nur die E-Mail-Adresse, an die ich sie schicken soll. Am besten du speicherst die gleich in mein Telefon ein.“ Alexander gab Helena sein Mobiltelefon und kümmerte sich darum die Kamera wieder zu verstauen. Helena tippt schnell ihre Kontaktdaten in das Gerät und gab es Alexander wieder. „Vielen Dank! Ich freue mich schon sehr auf deine Nachricht.“ „Keine Ursache das mache ich doch gerne für dich … euch“. Tessa rollte mit den Augen aber sparte sich ein Kommentar. Alexander vergewisserte sich, dass alles ordnungsgemäß verpackt war. Danach gab er Tessa und Helena das Zeichen zum Aufbruch. Der Abstieg gestaltete sich anfangs angenehm, sodass sie bald die Ruinen der verlassenen Stadt erreichten.

Helena sah zwischen den Mauerresten wieder ein paar dieser eigenartigen Pflanzen, die ihr bereits auf dem Hinweg aufgefallen waren. Sie wuchsen an einem dicken Stil und erreichten eine Höhe von etwa 40 cm. An der Spitze befanden sich die strahlenden roten Beeren, die dicht zusammengedrängt die Form eines Kolbens aufwiesen. Dieses Mal fragte sie Tessa und Alexander, ob sie den Namen der Pflanze kannten. Beide verneinten und antworteten, dass sie noch nie zuvor eine derartige Pflanze gesehen hatten. Helena knipste noch ein Foto von diesem faszinierenden Gewächs mit ihrer Telefonkamera, bevor sie weiter ging. Es dauerte nicht lange, bis sie die Ruinen hinter sich gelassen hatten. Der Abstieg zum Parkplatz war deutlich gefährlicher als der Aufstieg. Auf den flachen runden Steinen konnte man sehr leicht wegrutschen. Helena unterhielt sich mit Alexander darüber, was sie als Nächstes machen würden, wenn sie den Parkplatz erreichten. Unterdessen hatte Tessa daran Freude gefunden wagemutig über die Steine am Boden zu springen, um dadurch schneller voranzukommen. „Ich habe Hunger! Wir könnten doch irgendwo haltmachen und etwas Essen gehen.“, mischte sich Tessa in das Gespräch von den beiden vor ihr laufenden ein. Helena verspürte ebenfalls eine Leere in ihrem Magen und hätte nichts gegen ein zeitiges Mittagessen einzuwenden. Andererseits wollte sie Alexander nicht den ganzen Tag belästigen. „Ich weiß nicht Tessa, ob Alex uns noch ertragen kann.“ Alexander lachte: „Keine Sorge, ich habe heute sowieso nichts anderes mehr vor. Von mir aus können wir etwas essen gehen und danach den ganzen Tag weiter Geocaches suchen.“

„Gut, dann wäre das also abgemacht.“, entschied Tessa entschlossen. Nur wenige Augenblicke später vernahm Alexander ein schlitterndes Geräusch und drehte sich nahezu gleichzeitig mit der neben ihm laufenden Helena um. Zusammen mussten sie mitansehen, wie Tessa mit ihrem rechten Fuß über einen der Steine rutschte und sich dabei den Knöchel verdrehte. Sie verlor darauf den Halt und stürzte zu Boden. Der Versuch sich mit den Händen abzufangen, scheiterte an der unebenen Fläche. Helena und Alexander konnten nur zusehen, wie sie aufschlug. Sofort eilten sie zu der vor Schmerzen schreienden Tessa. Sie hatte neben dem verletzten Knöchel noch einige offenkundigere Wunden und Prellungen. „Alles in Ordnung?“, fragte Helena reflexartig und sah besorgt zu ihrer verletzten Freundin. „Mein Knöchel!“, wiederholte Tessa immer wieder und wieder. „Wir müssen sie zu einem Arzt bringen!“, befand Alexander, nachdem er sich Tessas Verletzungen angesehen hatte. „Sollten wir nicht besser einen Krankenwagen rufen?“, schlug Helena vor und hielt Tessas Hand. „Das würde zu lange dauern und außerdem sprechen wir die Sprache nicht!“ „Du hast recht!“, stimmte Helena ihm bei und wandte sich wieder an Tessa. Alexander stand neben den beiden Frauen und überlegte sich die weitere Vorgehensweise. Bevor noch mehr Zeit unnötig verloren ging, hob Alexander Tessa ganz vorsichtig hoch. Sie war nicht besonders schwer, sodass er sie anfangs problemlos tragen konnte. „Zum Auto, schnell!“, trieb er Helena an.

Die Sorge um Tessa ließ sie schnell vorankommen. Alexander war froh, als er die kleine Basilika erblickte. Seine Arme wurden von Minute zu Minute schwerer und bald würde er sie nicht mehr tragen können. Tessa versuchte derweil den Schmerz zu unterdrücken aber konnte sich ein gelegentliches Wehklagen nicht verkneifen. Die ständige Erschütterung vom zügigen Laufen auf dem felsigen Untergrund war nicht förderlich für ihre derzeitige Lage. Sie hatten inzwischen ihren weniger verletzten linken Arm um Alexanders Nacken gelegt und dadurch einen sicheren Halt bekommen. „Wir sind gleich am Parkplatz!“, beruhigte Helena Tessa und sich selbst. An der Kapelle vorbei nahmen sie nicht den regulären Weg, sondern kürzten über den flachen Abhang ab. Dabei wäre Alexander fast gestürzt aber er konnte sich im letzten Moment durch schnelles Weiterlaufen wieder fangen. Helena riss an der rechten hinteren Fahrzeugtür, doch diese war verschlossen. „Den Schlüssel!“, rief sie und sah Alexander mit großen Augen an. „In meiner rechten Hosentasche!“, antwortete er und versuchte mit den Augen darauf zu zeigen. Ohne Falschen Scham steckte Helena ihre Hand in Alexanders Hosentasche und zog den Schlüssel heraus.

Unter anderen Umständen wäre Helena mit Gewissheit rot geworden, doch der Anblick ihrer Freundin ließ kein Raum für Verlegenheit. „Hast du gefunden, was du suchst?“, kommentierte Tessa den Anblick. „Dir scheint es schon wieder besser zu gehen!“, beendete Alexander den mit zunehmender Zeit peinlich werdenden Augenblick. „Sicher! Ich wollte nur nicht den restlichen Weg laufen müssen.“ Ein kurzer Moment der Freude, bis alle wieder ernst wurden. Nachdem Helena die Tür endlich geöffnet hatte, legte Alexander Tessa vorsichtig ab. Erst jetzt bemerkte er, dass seine Arme und sein Shirt blutverschmiert waren. Er wischte sich das Blut an der Hose ab und eilte zum Fahrerplatz. Helena half Tessa eine bequemere Position einzunehmen und stieg dann auf der Beifahrerseite ein. Alexander legte den Rückwärtsgang ein, wendete das Fahrzeug in Rallye-Manier und gab Gas. Helena gelang es, trotz ihrer zittrigen Hände, das Navigationsgerät zu bedienen. Sie klickte auf das rote Symbol in Form eines Kreuzes und markierte damit das Ziel. Geleitet von der Computerstimme fuhr Alexander schneller als erlaubt zur Inselhauptstadt. Nach etwa 13 Minuten erreichten sie den leeren Parkplatz des Krankenhauses. Das Gelände lag an einer Kreuzung und beherbergte mehrere zweistöckige Flachbauten. Alexander trug Tessa wieder, während Helena bereits zum Empfang stürmte. Dort angekommen hatte man einen Rollstuhl bereitgestellt. Helena unterhielt sich mit einer Assistenzärztin und schilderte ihr Tessas Zustand. Sie war so aufgeregt, dass sie nur im gebrochenen Englisch sprechen konnte. Gemeinsam mit Helena setzte Alexander Tessa in den Rollstuhl. Tessas Blick verriet nicht, ob sie sich nun besser oder schlechter fühlte, jetzt da sie im Krankenhaus angelangt waren. Sofort kam eine Krankenschwester herbei und schob Tessa in den Behandlungsbereich. Die Ärztin und Helena folgten ihr. Alexander stand im Eingangsbereich und sah, wie sie durch eine Tür verschwanden. „You can take a seat and wait for your friends.“, sprach eine Frauenstimme Alexander freundlich an. Er drehte sich zur Rezeption und sah zu der hübschen schwarzhaarigen Empfangsdame. Ihr Lächeln erwidernd, dankte er ihr nickend und ging zu den Warteplätzen. Er hatte sich kaum hingesetzt, als die Frau mit dem Namen Athina vor ihm stand. Sie reichte Alexander eine paar Desinfektionstücher und deutete auf seine verschmierten Arme. „Efcharisto”, bedanke er sich und machte sich gleich daran seine Arme zu säubern. Nur eine Minute später ließ sich Helena mit Wucht in den Stuhl neben ihm fallen. „Was ist los?“, fragte Alexander, überrascht, sie zu sehen. „Ich darf nicht bei der Untersuchung dabei sein. Wahrscheinlich, weil ich kein Familienangehöriger bin, wenn ich das richtig verstanden habe.“ „Verstehe und wie geht es Tessa?“, erkundigte sich Alexander besorgt. „Ich glaube die Aufregung durch das Krankenhaus und die fremden Menschen lenken sie ein bisschen ab.“ „Verstehe!“, sagte Alexander erneut und legte seine Hand beruhigend auf Helenas.